Purgstall an der Erlauf – Saisonausklang in Perfektion

1.9. - 2.9.2007

Der Titel nimmt es bereits vorweg: Purgstall hat uns begeistert.

Dabei fing es nicht besonders gut an. Wir alle waren vom Wochenende davor in Golling noch etwas mitgenommen. Zwei Marktwochenenden hintereinander verlangt schon ein gewisses Durchhaltevermögen, vor Allem wenn man dazwischen auch noch eine ganz normale Arbeitswoche einschieben muss. Dazu kamen das kalte und regnerische Wetter und der Wetterbericht, der für das Wochenende Regenschauer und Temperaturen zwischen 9 und 17 Grad ankündigte.
Es wurde sogar kurz darüber diskutiert ob wir überhaupt fahren sollten. Auch weil wir diesmal nur zu siebt waren.
Wir waren für den Markt allerdings schon mit einer Vorführung angemeldet und wollten die Veranstalter – Viatores, die Wanderer und die Schlossverwaltung von Purgstall - nicht im Stich lassen.

Also wieder einen Transporter mieten und auf gings am Freitag nach Purgstall. Zum Glück ist der kleine Ort in Niederösterreich nur etwa eine Stunde Fahrzeit von Linz entfernt und so waren Anreise und Aufbau recht schnell erledigt.
Bis auch die da waren, die noch länger arbeiten mussten, war es halb fünf und es war dicht bewölkt und ziemlich kalt, wenn auch trocken.

Das Gelände hatte trotz des düsteren Wetters – oder vielleicht gerade deshalb – etwas Verzaubertes. Uralte Bäume, mit Efeu behangen, der Boden dazwischen zwar von Unterholz befreit aber uneben, voller Unkraut und weit von englischem Parkrasen entfernt.

Detail aus dem Lager
Lagerdetail ((c) Florian Machl)

Durch einen naturbelassenen breiten Gürtel von Bäumen und Dickicht rund um den Schlosspark wirkt das Gelände von jeder Modernität abgeschnitten, obwohl das Ortszentrum von Purgstall nur wenige Gehminuten entfernt ist.
Für den erfahrenen Mittelalterfreund mit Lager bedeutet das ideale Gegebenheiten: einerseits wunderbares Ambiente, andererseits nur ein Hüpfer zum Supermarkt – denn irgendwas hat man immer vergessen ...
Das Wetter blieb die ganze Zeit eher kühl, aber ich bin sicher, die vielen großen Bäume hätten bei Hitze das ihre zu einem angenehmen Lager getan.

Trotz des unebenen Bodens hatten wir einen guten Lagerplatz direkt neben dem Eingang. Da man in Purgstall darauf verzichtet hat, das Gelände mit Lagern und Händlern zuzupflastern kam auch jedes Lager zur Geltung.
Tatsächlich ist der Park so weitläufig, dass man wohl noch an die 10 Lager untergebracht hätte, was die Viatores aber gar nicht wollten. Lieber geruhsames Schlendern durch einen uralten Park als Geschiebe und Gedränge.

Ein weiteres Highlight erwartete uns bei der Ankunft in Form eines freundlich formulierten Infozettels - und zwar gut durchdachte und ausführliche Information zu Allem, was das Lagerleben betrifft. Keine Gerüchte, dass man 'irgendwo da drüben vielleicht Stroh kriegt’, kein ewiges Suchen nach einem Zuständigen um zu Feuerholz zu kommen, keine langen Diskussionen zum Thema „Was darf ich auf diesem Gelände, was nicht“. Jeder wusste woran er ist und entsprechend geordnet und unkompliziert verliefen die organisatorischen Details auf diesem Markt.

Überhaupt war für die Beteiligten fast liebevoll gesorgt. Getränke zum Selbstkostenpreis, ein gemeinsames, kostenloses (!!) Essen am Freitagabend und … ein Toilettencontainer.
Und zwar nicht irgendeiner.
Abgesehen von der Tatsache, dass die Toiletten groß genug und immer zugänglich waren, kümmerte sich die netteste Klofrau der Marktgeschichte hingebungsvoll um Sauberkeit und Papiernachschub. Und die Veranstalter hatten sich nicht nur eine Klofrau geleistet sondern auch Markentoilettenpapier und warmes (!) Wasser. Man merkt gerade an solchen Kleinigkeiten, dass auch die Viatores schon so manches Lager mitgemacht haben und in Purgstall dann endlich alles verwirklichen konnten, was sie sich unter einer perfekten Lagerorganisation vorstellten.

Septembe auf dem Turm   Septembe auf dem Turm - in der Fantasie der Lagerbewohner
Septembe auf dem Turm - und Septembe auf dem Turm, wie sie sich an diesem bestimmten Sonntag Morgen vermutlich viele Lagerbewohner gewünscht hätten ...
(Originalfoto: (c) Florian Machl, Nachbearbeitung: Tina Papst)

Ein Erlebnis der besonderen Art war der Umzug am Sonntag morgen. Schon die Art und Weise, wie die Lagergruppen zum Mitmachen motiviert wurden, hatte etwas für sich ("Hey, ihr Faulsäcke, bewegt euch!“). Ich glaube, so mancher hätte an diesem Vormittag gerne etwas angezündet...

Der Marsch durch das Städtchen war dann mehr Gaudi für uns selbst als für die Einnwohner - denn von denen war kaum einer zu sehen. Erst bei der Kirche fanden sich dann größere Menschentrauben, die freundlich, und wohl auch ziemlich verwundert, applaudierten.

Schade war nur, dass anscheinend niemand so recht wusste, wo und wie der Umzug zu Ende gehen sollte. Irgendwie verschwanden die Leute nach und nach in den Weiten des Marktgeländes, und die Prozession löste sich in Luft auf. Hier wäre im nächsten Jahr etwas mehr Planung und Klarheit wünschenswert. Ich bin wahrlich kein Freund von langen Eröffnungsreden, aber ein paar kurze Worte, auch für die dem Umzug gefolgten Besucher, wären gut gewesen.

Die anwesenden Händler waren – wie immer – bunt gemischt. Von Lederarbeiten und Handgeschmiedetem bis hin zu pseudo-bauchtanz-glitter-faschings-Geflirre.
Bemerkenswert dabei der Kistler und seine Familie, wo man historische Repliken von Kisten und Kästchen bewundern konnte. Leider blieb es beim Bewundern, denn erschwinglich sind diese Kunstwerke für den Durchschnittsmenschen nicht so schnell nebenher. Zum Glück hatte man dort auch noch andere Holzwaren, die weniger kostspielig waren.

Insgesamt waren sehr viele Handwerker vertreten, die ihr Handwerk auch vorführten: Einen Schreiner oder einen Schmied sieht man häufiger auf MA-Märkten, aber wann bekommt man schon einmal einen Korbflechter oder einen Seiler zu sehen?
Auch die Fellhändler Fellini samt Clan waren anwesend, wobei wir die Herren von Fellini und ihr Angebot lieber ohne ihren Anhang auf Märkten sehen würden. Die beiden Stände mit unpassender Dauerbeschallung aus der Dose und Alternativ-Sommerkleidchen im Angebot dürften von uns aus gerne zuhause bleiben.
Diese Ausreißer im Ambiente gehören auch zu den wenigen Kritikpunkten, die uns aufgefallen sind. Das könnte man nächstes Jahr bestimmt besser machen.

Die anwesende Gastronomie ließ wenig Wünsche offen. Das Angebot war abwechslungsreich und durch die Bank sehr leistbar. Eine Portion Käsespätzle um € 2,50 für Lagerleute (normalerweise € 3,50) … da kann man sich nicht beschweren. Wobei wir ja auch diesmal von Michi aufs Beste verpflegt wurden und daher nicht darauf angewiesen waren, irgendwo etwas zu kaufen.

Das Lagerleben verlief überhaupt sehr gemütlich und auf allen Seiten freundlich. Nur das Trommeln mit Bongos um halb vier Uhr früh wäre wirklich nicht nötig gewesen. Die Lager in der Nähe des Fellini-Clans beschwerten sich am Samstag auch über laute Musik von CD, die die ganze Nacht von Freitag auf Samstag gelaufen sei. Erst als man sich im frühen Morgen doch mal beschweren ging, wurde es leiser. Niemand hat etwas gegen das Feiern aber irgendwann muss auch Ruhe herrschen.

Szene aus der Gerichtsverhandlung

Für uns war Purgstall außerdem eine Prämiere der etwas anderen Art: wir führten zum ersten Mal unsere Gerichtsverhandlung mit Gerichtskampf auf.
René hatte die verschiedenen Fälle aus dem Sachsenspiegel aufbereitet und sich am Freitag noch um weitere Mitwirkende aus anderen Lagern gekümmert. Er sollte auch den ehrwürdigen Richter Herrn Reinhard von Wilenstein darstellen.
Sören und Jochen sollten dann als Abschluss ein Gottesurteil in Form eines Gerichtskampfes vorführen.
Die allererste Aufführung am Samstag lief gut – es waren noch recht wenig Besucher und die, die da waren, hörten aufmerksam zu und waren auch vom Kampf begeistert.
Es war uns aber schon nach dieser Aufführung bewusst, dass wir zu leise und nur schwer zu verstehen waren. Also nahmen wir uns vor, am Sonntag lauter zu sprechen, waren aber mit diesem ersten Versuch recht zufrieden.

Leider hatten wir nicht damit gerechnet, dass die Besucherzahlen am Sonntag stark ansteigen würden – und mit ihnen auch die Hintergrundgeräusche. Die Tatsache, dass die Bühne in punkto Akustik denkbar schlecht war, vereinfachte die Sache nicht gerade. Außerdem mussten wir kurz vor der Aufführung ein alternatives Ende improvisieren, weil Jochen gesundheitliche Probleme hatte und nicht kämpfen konnte.
Alles in Allem hätte der Auftritt am Sonntag ganz sicher besser laufen können. Aber es war ein Lernprozess und das nächste Mal werden wir wenn irgend möglich mit Mikrophonen arbeiten und Ersatzkämpfer dabei haben.
Unsere externen Mitwirkenden Martin von den Salzburger Vogelfreyen, Ursus von Vulpes Olentes, sowie der Gaukler Bernhard haben ihre Sache wirklich wunderbar gemacht und wir bedanken uns bei ihnen ganz herzlich.

Für einen Markt von dieser Größe war das Programm sehr großzügig bemessen. Irgendwo war immer etwas los. Musik von zwei verschiedenen Gruppen, Schaukämpfe, ein ausgedehntes Kinderprogramm, Schauspiel, usw. Etwas gefehlt haben uns hier nur noch ein oder zwei wandernde Musiker, die das Ambiente noch bereichern hätten können.
Leider wurden die Programmpunkte erst in letzter Minute zusammengestellt, was dazu führte, dass es keine Programme für Besucher gab. Man konnte sich zwar am Eingang bei einer großen Tafel informieren, die halbtäglich neu beschriftet wurde, aber Handzettel wären – gerade am gut besuchten Sonntag – bestimmt zielführender gewesen.

Wie man an diesem sehr ausführlichen Bericht merkt, hat es uns dieser Markt wirklich angetan. Das Ambiente, die Organisation, die Stimmung … die Zeit verging rasend schnell und wir freuen uns schon sehr auf nächstes Jahr.

Apropos nächstes Jahr: Wie wäre es, wenn man dafür schon zwei oder drei Tage vorher anreisen könnte und ein kleines szeneinternes Fest daraus macht? Gemeinsame Workshops, sich austauschen, feiern … ganz ohne Besucher.
Purgstall könnte sich zu einem der besten und schönsten Märkte in ganz Österreich mausern und auch zu einem begehrten Szenetreffen.

Christa Schwab

 

Borte (Seitenabschluß)