Spinnen
Das Spinnen ist ein uraltes und eigentlich sehr einfaches Handwerk.
Grundsätzlich geht es darum Einzelfasern zu einem langen Faden zu verbinden. Verspinnen kann man alles, was Fasern hervorbringt. Flachs, Seide, verschiedene Nestelarten, jede Art von Tierhaar usw. Dabei werden die Fasern miteinander so eng verdrillt, dass sie sich nicht mehr von selbst lösen. Je länger und weicher die Faser dabei ist, desto leichter lässt sie sich verspinnen.
Spinngeräte
Jeder kennt wohl ein Spinnrad …
…
das ein paar hundert Jahre nach unserer Darstellungszeit erfunden wurde
und daher für mich keine Rolle spielt.
Statt dessen möchte ich über die Handspindel berichten.
Eine Spindel wie ich sie verwende besteht aus einem Spinnstab und einem runden Spinnwirtel. Der Stab dient zum Aufwickeln der Wolle und zur Stabilisierung. Der Wirtel dient (ähnlich wie ein Kreisel) als Schwungkörper um die Spindel möglichst lang und gleichmäßig zu drehen.
Diese Art der Spindel nennt man auch Fallspindel, weil die Spindel frei am Faden hängt und im Laufe der Arbeitsgänge immer weiter nach unten "fällt". Diese Art der Spindel ist auch auf vielen Bildern aus dem Mittelalter belegt. In anderen Kulturen (zum Beispiel im Himalaya) ist es auch üblich, die Spindel wie einen Kreisel in einer kleinen Schüssel laufen zu lassen.
Ich verwende ausschließlich Fußspindeln - das heißt, dass sich der Wirtel am unteren Ende des Spinnstabes befindet. Ich finde einfach, dass die Arbeit damit leichter fällt. Das ist aber Geschmackssache und ich kenne einige Leute, die lieber mit Kopfspindeln arbeiten - der Wirtel sitzt dann oben am Spinnstab.
Der Wirtel sollte möglichst gleichmäßig sein, damit die Spindel ruhig und sauber dreht. Je schwerer der Wirtel nach außen hin wird, desto länger dreht die Spindel. Es gibt daher auch Spindeln, deren Wirtel innen dünner sind als außen und ich habe auch schon welche gesehen, deren Außenkante mit Messing beschlagen war.
Besonders 'A' wären Tonwirtel, auch einfach in Form einer
Kugel, in der ein hölzerner Spinnstab steckt.
Ich verwende allerdings fast ausschließlich Holzwirtel, da sie
weniger leicht brechen und leichter zu bekommen sind.
Tatsächlich kann man Spindeln bzw. deren Wirtel aber aus allem machen,
was man formen oder schnitzen kann. Knochen, Metall, Horn, etc.
Bei der Auswahl von Material und Spindelgröße spielt aber
auch das Gewicht eine entscheidende Rolle. Denn das Gewicht einer Spindel
legt fest, wie dünn der Faden ist, den man damit spinnen kann. Nur
mit leichten Spindeln kann man feine Fäden spinnen. Bei schweren
Spindeln würden dünne Fäden reißen, weil ja das
gesamte Gewicht der Spindel am Faden hängt.
Dafür drehen leichte Spindeln nicht so lange wie schwere und man
muss schneller arbeiten.
Ich besitze außer meinen schwereren Holzspindeln auch eine kleine, sehr leichte Knochenspindel mit der man Fäden spinnen kann, die kaum dicker sind als Nähgarn. Ich arbeite gern mit dieser kleinen Spindel, bevorzuge zur Vorführung auf Märkten aber die Holzspindeln weil man Spindel, Faden und Arbeitsablauf besser sehen kann.
Fasern
Ich habe bisher nur naturfarbene Wolle im Kammzug versponnen – die Fasern sind also sauber, sortiert (es sind also nur noch die langen Fasern enthalten) und in eine Richtung gekämmt.
Ich würde gerne einmal besonders edle Wolle verspinnen – vom Merinoschaf oder sogar vom Alpaka (obwohl das ja nun wirklich so gar nicht A ist). Auch an Seide würde ich mich gerne einmal versuchen.
Von Flachs werde ich mich wohl fernhalten. Pflanzenfasern sind viel steifer und störrischer als Tierhaar.
Funktionsweise
Man hat also eine Spindel und ein Stück unversponnenen Kammzug. An der Spindel muss sich zunächst einmal ein Anspinnfaden befinden – der kann für den Anfang auch aus einem Stück gekaufter, ganz normaler Wolle bestehen.
Der Anspinnfaden muss ein Stück aufgedreht werden, so dass man so viele Einzelfäden und -fasern wie möglich hat, mit denen sich die unversponnenen Fasern verdrillen können. Nun löst man einige Fasern aus dem Kammzug und legt sie auf die Fasern des Anspinnfadens. Und dann beginnt man auch schon, in dem man die Spindel oben fasst und sie wie einen Kreisel antreibt.
Und so geht es dann immer weiter. Man hält ein Stück des unversponnen Kammzugs mit einer Hand fest, während die andere abwechselnd die Spindel antreibt und Fasern aus dem Kammzug zupft.
Durch die Drehung der Spindel, an der der Faden befestigt ist, verdrehen sich die Fasern ineinander. Am Anfang sollte man darauf achten, den Faden nicht zu 'überdrehen', denn sonst verdrehen sich die Fasern so stark, dass der Faden zu einem Knoten zusammenläuft. Stattdessen sollte man sich einfach die Zeit lassen, Spindel und Faden zu beobachten. Man wird schnell feststellen, dass die Spindel weit länger dreht als man dachte und dass sich auch die Fasern recht schnell miteinander verbinden.
Das Hauptgeheimnis beim Spinnen heißt Fingerspitzengefühl. Mit etwas Übung kommt man schnell dahinter, wie viel und wie schnell man herauszupfen muss, damit ein gleichmäßiger Faden von der gewünschten Dicke entsteht.
Wenn die Spindel am Boden angekommen ist, muss man den Faden auf die Spindel aufwickeln. Der Faden sollte möglichst nah am Wirtel gewickelt werden, um den Schwerpunkt der Spindel stabil zu halten.
Weiterverarbeitung
So. Die Spindel ist voll. Was nun?
Zunächst einmal wird der fertige Faden auf eine Haspel gewickelt und mit ein wenig Wasser besprüht. Wenn der Faden dann wieder trocken ist, drehen sich die Fasern nicht mehr von selber auseinander.
Damit nun aber ein brauchbarer Wollfaden entsteht, muss man mehrere Fäden verzwirnen. Ein gesponnener Faden alleine ist nämlich noch nicht besonders stabil. Er reißt zu leicht um verarbeitet werden zu können.
Je nach Verwendungszweck müssen also weitere Fäden als Verstärkung mit dem ersten verbunden werden. Dabei werden die Einzelfäden wiederum miteinander verdrillt (verzwirnt), gehaspelt, eingesprüht und getrocknet. Erst dann hat man einen Wollfaden, mit dem man arbeiten kann.
Abschließende Beobachtung
Spinnen kann man nur durch Übung lernen. Natürlich kann man
die Technik erklären, aber wenn man nie selbst eine Spindel in der
Hand gehalten hat, hat man keine Ahnung.
Am Anfang darf man sich auch nicht entmutigen lassen, wenn die Fäden,
die man produziert, eher an schwangere Regenwürmer als an Wollfäden
erinnern.
Irgendwann ist das Spinnen dann ausgesprochen entspannend und verlangt nicht mehr viel Konzentration. Die ideale Arbeit an einem geschäftigen Markttag oder beim Gespräch mit anderen. Man kann eine Spindel auch leicht weglegen, wenn andere Arbeit zu tun ist. Allerdings sollte man dann daran denken, den versponnenen Faden fest aufzuwickeln, damit man später wieder anfangen kann ohne erst neu anspinnen zu müssen.
Ein weiterer Vorteil ist der geringe Platzbedarf und Transportaufwand. Eine Spindel und Wolle kann man fast überall hin mitnehmen und die Arbeit selbst braucht ebenfalls so gut wie keinen Platz.
Außerdem hat gerade diese archaische Art der Handarbeit eine große
Anziehungskraft auf die Marktbesucher. Manchmal habe ich das Gefühl,
dass es sogar eher begeistert als das Brettchenweben. Das Weben ist den
Meisten fremd und wirkt auch sehr kompliziert. Der Zuseher hat wenig
Bezug dazu und oft auch nicht die Geduld sich damit auseinander zu setzen.
Aber Spinnen … jeder Mensch, dem man als Kind Märchen vorgelesen
hat, hat von Spindeln und dem Spinnen gehört – umso spannender
ist es zu sehen, dass und wie das tatsächlich funktioniert. Alleine
schon das Gefühl reine, unversponnene und sogar noch ganz leicht
fettige Wolle zu berühren ist für Viele eine völlig neue
Erfahrung.
Ich lasse interessierte Besucher auch gerne mit einer Spindel herumprobieren und habe dazu immer einige Ersatzspindeln und genug Wolle im Gepäck. Spätestens dann wird den Leuten bewusst, was für ein Aufwand im Mittelalter für jedes Stück Tuch betrieben werden musste und man versteht dann auch, warum die Spindel und das Spinnen in alten Geschichten eine so große Rolle spielen.
Ergänzung - 5.11.2011
Ich habe schon ziemlich lang nichts mehr an diesem Artikel geändert, stelle ich gerade fest. Dabei hat sich seit dem Entstehen dieser Zeilen im Herbst 2007 so einiges getan:
Spindeln
Ich besitze inzwischen eine ganze Reihe verschiedener Spindeln. Sowohl große als auch kleine aus Holz, ganz einfache und wunderschön gedrechselte. Bei einer kann man sogar einen zweiten Wirtel aufstecken, damit die Spindel schwerer wird und länger dreht. Diese Spindel ist ziemlich groß aber für den Marktbetrieb auch ganz gut geeignet, weil sehr gut sichtbar.
Außerdem habe ich mehrere Spindeln mit selbst gemachten Tonwirteln. Darunter sind einfache Kugeln, aber auch Scheiben. Besonders die kugelförmigen Wirtel sind ausgesprochen gut zum Spinnen geeignet. Sie drehen lange und sauber und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass man so etwas oft verwendet hat. Sie sind natürlich verhältnismäßig zerbrechlich, aber auch sehr leicht herzustellen und müssen nicht einmal unbedingt gebrannt sondern lediglich getrocknet werden.
Ich arbeite eigentlich mit allen Spindeln gern, weil jede ihre Eigenart hat. Je nachdem, welches Material versponnen werden soll und zu welchem Zweck der Faden nachher dienen soll.
Fasern
Auch was die Fasern angeht, habe ich in der Zwischenzeit ordentlich aufgestockt.
Speziell zur Präsentation ganz verschiedener Fasern und auch der daraus entstehenden Fäden habe ich ein extra „Faserbündel“ zusammen gestellt, das Besucher auf dem Markt gerne anschauen und auch anfassen können.
Zu den neuen Fasern gehören sowohl Seide, von der Seidenraupe und auch vom Eichenspinner, als auch Wollfasern vom Schaf (gewaschen und ungewaschen, gekämmt und roh), vom Kamel und vom Alpaka und Pflanzenfasern vom Flachs und von verschiedenen Nesselarten. Eine recht große Auswahl also, bei der sich jede einzelne Faser anders anfühlt und anders verspinnt.
Gerade Kinder sind von den Fasern sehr angetan und ich musste schon das eine oder andere Mal Proben davon verschenken, weil die kleinen Damen und Herren das Gefühl der Fasern an Händen und Wangen so toll fanden und sie nicht mehr hergeben wollten.
Natürlich achte ich darauf, auf die Herkunft und Erhältlichkeit der Fasern hinzuweisen (Und ja, es gab auch im Mittelalter schon Alpaka-Wolle – bloß eben nicht bei uns *G*)
Hier eine Übersicht verschiedener Pflanzen- und Tierfasern:
Spinnen
Lange, weiche Wollfasern wie die von Merinoschaf, Kamel und Alpaka verspinnen sich natürlich sehr schön und auch sehr mühelos (der Kammzug ist natürlich noch etwas einfacher als das Kardenband). All diese Fasern besitze ich bereits gekämmt und spinnfertig entweder im Kammzug oder im Kardenband. Die zu verarbeiten ist etwas, das man sehr leicht nebenher oder zu Demonstrationszwecken machen kann.
Seide ist absolut klasse. Nichts verspinnt sich so wunderschön, wie ich finde. Meine kleine, sehr leichte Knochenspindel ist dafür die beste Wahl. Die Fäden, die man mit Maulbeerseide spinnen kann, sind so fein wie jedes feine Nähgarn. Allerdings braucht es ein wenig Übung und am Anfang auch Vorsicht: Seide ist unter Umständen unfreundlich zu den Fingern. Die Fäden sind dünn und erstaunlich widerstandsfähig. Man schneidet sich verhältnismäßig leicht beim Herausziehen der Fasern, wenn man sie zu straff hält.
Flachs (und fast jede andere Pflanzenfaser) muss vor dem Spinnen angefeuchtet werden. Die harten Fasern lassen sich sonst nicht verarbeiten und halten auch ihre Form nicht. Flachs zu verspinnen ist nicht sonderlich angenehm (wegen den zähen Fasern und der ständigen Feuchtigkeit an den Händen) und wird schnell anstrengend für die Finger. Aber ich verspinne Flachs auch nur um fertige Fäden zum Herzeigen zu haben und bin daher auch nicht sonderlich geübt. Möglicherweise wird es einfacher und angenehmer, wenn man es öfter macht.
Sehr einfach ist dagegen das Verspinnen von nicht entfetteter Schafwolle. Obwohl ich diese Wolle nur in ungekämmter Form (also in Flocke) besitze und man die Fasern vor dem Spinnen erst einmal etwas auseinander zupfen muss. Das Lanolin in der Wolle verklebt die Fasern beim Spinnen und der Faden reißt nur sehr schwer. Die Fasern halten dadurch wunderbar zusammen. Natürlich muss man mit dem Schafsgeruch zurechtkommen, den die Wolle trägt. Dafür werden aber auch die Hände durch das Wollfett nach einer Weile angenehm weich. Sie stinken aber sie sind weich ;)
Das nächste Projekt heißt: Spinnrocken. Ich werde mir dafür wohl irgendwo einen entsprechenden Ast suchen. Ich denke, dass es etwas einfacher ist, einen Rocken zu binden und damit zu arbeiten, wenn der Stab eben nicht ganz glatt ist. Auf den Bildern, die ich aus unserer Zeit dazu gefunden habe, ist auch noch keine Form von Drechselarbeit oder Ähnliches zu erkennen. Einfach nur ein gerader Stab. Ich werde auf jeden Fall darüber berichten.
Das Spinnen besitzt nach wie vor eine große Anziehungskraft. Gerade auch der nun mögliche Vergleich verschiedener Fasern trifft auf großes Interesse bei Kindern wie Erwachsenen.
Christa Schwab





























