Brettchenweben (Teil 2)

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Die Brettchen

Die gängigsten Webbrettchen sind quadratisch und haben vier Löcher. Es gibt auch quadratische mit sechs Löchern oder sechseckige. Aber ich werde wohl bei den klassischen vier Löchern bleiben.

Webbrettchen müssen einige Bedingungen erfüllen: Sie müssen möglichst gleich groß sein, mit regelmäßigen Löchern. Sie dürfen nicht zu dick sein und keine scharfen oder rauen Kanten haben. Die Größe sollte bei 4 – 6 cm Kantenlänge liegen, damit man sie mit den Händen gut umfassen kann.

Ich habe bisher Papp- und Metallbrettchen verwendet, würde aber gerne auch noch irgendwann mit Hornbrettchen arbeiten. Auch Balsaholz wäre eine schöne Sache. Allerdings müssen Holzbrettchen halt besonders gut gearbeitet sein, damit sie auch ganz glatt sind.

Eine fertige Seidenborte
Eine fertige Seidenborte

Pappbrettchen (zumindest die, mit denen ich bisher gearbeitet habe) eignen sich nicht für das Weben mit Seide, weil Seidenfäden unter hoher Kettspannung die Pappe innerhalb kürzester Zeit zerschneiden, aber für jedes andere Material sind Pappbrettchen bestens geeignet.

Da selbst Schappseide im Vergleich noch recht dünn ist (1100 m auf 100 g) verwebe ich Seide am Liebsten mit Metallbrettchen. Die glatt polierten Kupfer- und Messingbrettchen drehen selbst bei hoher Kettspannung auf der Seide wie Butter. Die Fasern bleiben nicht hängen, das Garn kann die Brettchen nicht zerschneiden.

Meine Metallbrettchen besitzen außerdem Markierungen an den Ecken, damit man sich beim Schären und Weben besser zurecht findet. Allerdings sind sie relativ schwer und auch (im Vergleich zu Pappbrettchen) recht dick. Das bedeutet, dass man für ein sauberes Fach eine hohe Kettspannung braucht und dass die Menge der Brettchen, die man auf den Webrahmen bekommt, begrenzt ist. Dafür drehen sie besonders flüssig und sehen natürlich auch netter aus als Pappe.

A wären Brettchen aus Horn- oder Knochen – allerdings kosten Knochenbrettchen ein halbes Vermögen und Hornbrettchen habe ich bisher noch gar nicht gefunden.

Angeblich kann man auch selbst Brettchen aus Rohhaut machen. Dazu muss man die Rohhaut im feuchten Zustand zuschneiden und lochen und dann sehr fest gepresst trocknen lassen. Vielleicht bleibt vom Schildbau unserer Herrn mal ein bisschen was übrig, dann werde ich es ausprobieren.


Die Techniken

Ich webe im Moment nur Einzugsmuster und Doublefaces. Besonders das Broschieren mit Metallfäden würde ich sehr gerne lernen, habe bisher aber noch keine Anleitung gefunden, die mir wirklich weitergeholfen hätte. Anscheinend muss man dafür einen zweiten Schussfaden einlegen, der bei jedem Arbeitsgang so über die Kettfäden gelegt wird, dass das erwünschte Muster entsteht. In Purgstall wurde mir das Ganze von einer sehr netten Dame der bayrischen Gruppe Magicus Incendium erklärt – aber ich konnte sie leider nicht direkt bei der Arbeit beobachten, was zum Lernen besser gewesen wäre.

Als besonders nützlich hat sich für mich das Anfügen von Randbrettchen erwiesen. Egal welches Muster ich webe, ich verwende mindestens zwei Randbrettchen pro Seite. Ich schäre diese Brettchen jeweils eines S und eines Z einfärbig entweder in der Grundfarbe oder in einen hübschen Komplementärfarbe wenn es dazu passt. Ich drehe dann so lange in eine Richtung bis die Kette zu verdrillt ist um weiter zu drehen, dann erst wechsle ich die Richtung. Auf diese Weise entstehen sehr stabile Ränder, die nicht ausfransen und die Borten lassen sich besser aufnähen.


Das Schären und Aufziehen

Ich gebe es zu: ich habe den Endlosaufzug nicht durchschaut.
Angeblich ist alles gaaaaaaaaaanz einfach und angeblich ist es so unheimlich schnell zu machen und angeblich muss man es nur einmal gemacht haben und will nie wieder was anderes.

Ich mache aber auch gerne Einzugsmuster und die muss man sowieso auf die altmodische Art schären und aufziehen.
Am Anfang habe ich auch Ketten aufgezogen, bei denen ich die Fäden zuerst alle geschnitten, dann geschärt, dann gekämmt und dann auf den Rahmen aufgezogen habe.
Solang die Kette noch nicht sehr lang ist und man mit Baumwolle und leichten Pappbrettchen arbeitet, geht das ja auch noch einigermaßen. Aber mit längerer Kette und Seidenfäden hat man da ganz schnell ein trauriges, kleines Fadengewurstel, das man nicht einmal mehr mit viel Geduld auseinander bringt.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die auch mit total verdrehter Kette arbeiten können. Daher schäre ich direkt am Rahmen und verknote jeden einzelnen Faden mit sich selbst. Da mein Webrahmen auf dem Endlosbandprinzip fußt, bietet sich das an. Tatsächlich finde ich diese Arbeit durchaus entspannend. Eine schön aufgezogene Kette hat für mich auch einen Erfolgswert und grade bei Seidenfäden sieht auch die fertige Kette schon dekorativ aus.

Das Schären der Brettchen und auch die Orientierung beim Weben hängt bei mir immer noch am A-B-C-D-Ablauf. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich mit dem Endlosaufzug nicht zurecht komme. Da dort die Brettchen je nach S- und Z-Schärung gekippt werden müssen, nachdem die Kette fertig ist, geht die Einteilung nach den Buchstaben verloren. Ich denke, das würde mich beim Weben ausgesprochen irritieren. Gerade mit den Metallbrettchen, bei denen die A-Ecke abgeschrägt ist, sieht man beim Weben auf den ersten Blick ob sich alle Brettchen in der korrekten Position befinden.

Ich habe bereits einige Male gelesen, dass die Buchstabenmethode kindisch und nur für Anfänger geeignet wäre. Dass man auch ohne diese Hilfe arbeiten können muss, dass es auf gar keinen Fall A wäre. Dass man dem Besucher etwas vor macht, wenn man mit markierten Brettchen auf dem Markt webt.
Das alles ist wahrscheinlich sogar richtig.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Brettchenweben mit den Markierungen leichter fällt, man sich weniger schnell irrt, das Schären schneller geht und man Fehler leichter wieder zurück weben kann.
Davon abgesehen würde ich auf einem Markt auch nie behaupten, dass meine Ausrüstung zum Brettchenweben A ist. Denn wie wir wissen: A ist nur, das, was auch belegbar ist. Und Webrahmen wie meiner sind das – trotz ihrer simplen und logischen Funktionsweise – nicht.


Die Borten

Borten waren im Mittelalter DIE wichtigste Methode Kleidung zu verzieren. Egal, welche Bilder man sich ansieht, Borten spielen fast immer eine Rolle.
Daher versuche ich genug Borten herzustellen, dass die Leute unseres Vereins so nach und nach ihre Kleidung damit verschönern können.
Man vergisst gerne: Das Mittelalter war bunt!

Ich bevorzuge kräftige aber nicht zu helle Farben. Ein sattes Dunkelrot, Königsblau, Tannengrün kombiniert mit Naturweiß (reines Weiß ist mir zu grell), Silbergrau und Goldocker und natürlich Schwarz. Ich würde gerne, wie ich oben schon erwähnt haben, auch mit Metallfäden arbeiten, aber die sind noch schwerer zu kriegen als Seide und noch wesentlich teurer.

Bei den Mustern habe ich kaum Vorlieben. Mir gefällt viel – so sagen mir florale Doublefaces ebenso zu wie einfache Einzugsmuster. Einfache Muster, die sich ständig wiederholen, haben eine viel bessere Wirkung als man auf den ersten Blick meinen möchte.

Das berühmt-berüchtigte Widderhorn versuche ich zu vermeiden – wenn man schon ganz sicher weiß, dass ein bestimmtes Muster in der dargestellten Zeit noch nicht da war, muss man sich damit ja auch nicht unbedingt rumschlagen.

Bei der Breite der Borten sind meine Möglichkeiten zur Zeit einfach noch limitiert. Wenn man mit Seide webt, kommt man schnell dahinter, dass feine Fäden schmale Borten hervorbringen. Wenn ich mit Wolle zu weben beginne, werden wohl auch breitere Borten entstehen.


Abschließende Beobachtung:

Brettchenweben wird von sehr vielen Leuten in der Mittelalterszene betrieben. Entsprechend viele Zugänge und Meinungen zum Thema gibt es.

Ich habe schon einen Forumseintrag gelesen, in dem der Schreiber wortwörtlich meinte, er würde sich mit Ekel abwenden, wenn er auf einem Markt einen Webrahmen sieht, denn das wäre so schrecklich unauthentisch.
Andere wieder vertreten die 'Was funktioniert ist erlaubt ’-Meinung.

Auch hier muss einfach jeder seinen eigenen Zugang finden. Abhängig von seinen Ansprüchen an die Darstellung und seinen Möglichkeiten.


Ergänzung - 19.09.2008

Es ist eine Weile her, dass ich den obigen Text geschrieben habe. Inzwischen habe ich einige neue Erfahrungen gemacht, die ich gerne teilen würde.

Ich habe inzwischen mit Holzbrettchen gearbeitet, ich habe Wolle verwoben und ich habe einen selbst gebauten Webrahmen.

Zunächst zu den Brettchen: gut gearbeitete Holzbrettchen bieten eine gute Mischung aus schöner Optik und Funktionalität. Mein derzeitiges Set ist aus Kirschholz und ich werde mir in absehbarer Zeit ein weiteres Set aus einer anderen Holzart zulegen. Für Seide sind mir zwar immernoch die Metallbrettchen lieber - gerade wenn ich mit vielen Brettchen arbeiten möchte - weil Metall einfach noch ein Stückchen weicher dreht. Aber Holz ist zweifellos markttauglicher und daher zumindest während der Saison zu bevorzugen. Ich werde mir aber noch die Mühe machen die A-Ecken zu markieren, denn das erleichtert die Arbeit ganz gewaltig.

Wolle als Arbeitsmaterial war eine sehr neue Erfahrung und lässt sich mit Seide oder Baumwolle nicht im Geringsten vergleichen. Ich persönlich arbeite gerne mit Wolle, obwohl man ein Problem mit dem nicht ganz klar geöffneten Fach hat. Die Wollfasern 'verkleben' das Fach bei jedem Drehen etwas und man muss mit der Hand das Fach öffnen um das Schiffchen sauber durchschießen zu können. Allerdings ist Wolle auch angenehm elastisch und lässt sich daher auch gut schären und von der Spannung her regulieren.

Allerding muss man bei Wolle auf ein paar Punkte achten: die verwendete Wolle darf nicht zu weich sein - das heißt, sie muss mehrfach verzwirnt sein (zweifach reicht, zum Beispiel, nicht) - sonst reißen die Kettfäden unter der Spannung oder reiben sich im Laufe der Arbeit auf. Ich habe flanzengefärbte Sockenwolle von Flinkhand verwendet - die hat sehr gut funktioniert.

Der neue, im Eigenbau entstandene Webrahmen
Der neue, im Eigenbau entstandene Webrahmen aus Hartholz und mit vorne liegender Spannvorrichtung.

Der zweite Punkt betrifft die Dicke: Bei Wolle spielt die Dicke eine größerer Rolle als bei Seide oder Baumwolle und man sollte nicht vergessen, das bei der Auswahl für eine Borte zu bedenken. Schon bei wenigen Kettfäden kann dicke Wolle eine sehr breite Borte und ein eher grobes Muster erzeugen. Natürlich haben auch solche Borten eine Berechtigung - zum Beispiel als Gürtel oder Schulterriemen für eine Tasche. Aber als Verzierung für Gewandung sind sie ungeeignet, weil sie sich schwer aufnähen lassen und sehr steif und einfach zu groß wirken.

Mein Herr und Ehemann hat mir inzwischen auch einen Webrahmen gebaut. Nach meinen oben genannten Kriterien. Mein 'Baby' hat einen Rahmen aus massivem, alten Eichenholz und Holme aus Buche - durchwegs Hartholz also. Der Webrahmen fasst max. 6 m Kette und hat eine Spannvorrichtung vorne am Rahmen. Wir werden bestimmt noch Bilder und eine Bauanleitung hier online stellen. Außerdem war Tina so lieb, mir die Seitenwände (von denen eine zum Schären abnehmbar ist) mit Motiven aus dem Codex Manesse zu verzieren. Der Webrahmen ist sehr schwer, hat aber dadurch auch den Vorteil nicht mehr zu 'hüpfen' wenn ich anschlage. Ich mag mein Baby.


Ergänzung - 15.1.2012

Die Baubeschreibung für den Webrahmen ist fertig: Bauanleitung Brettchenwebstuhl


Christa Schwab

 

Borte (Seitenabschluß)